Die Entfaltung von Selbstbestimmung und Verantwortungsübernahme
In einer freien, demokratischen und zugleich wissensbasierten Gesellschaft, bräuchte es ein Bildungssystem, das – in der Realität und nicht nur in Sonntagsreden – der Schülerschaft ein durchdachtes Arbeitsangebot zum guten Verstehen und verantwortlichen Mitgestalten eben dieser Gesellschaft machte. Verbunden mit der dazu tauglichen ‚geistigen Kost‘ sollte sich im Bildungsprozess allen die Gelegenheit bieten, in einer ‚Denkwelt zum Weltendenken’ ein begründetes Wählen, Entscheiden, aber auch für ein sanktionsfreies Erproben, Bedenken und Austauschen von Konzepten und Entscheidungen zu praktizieren, damit eine ‚robuste Gesundheit‘ entstehen kann.
Entsprechende Orte wären dann solche einer individuell nachhaltig wirksamen Bildung, also Orte, wo eine Einübung in den Gebrauch der Freiheit des Wählens, Ablehnens, Gebrauchens und Verwerfens von Aufgaben und Wissensangeboten möglich ist, wo eine eigene Vorstellung von der Welt und ihrer Ordnung selbstbestimmt entstehen kann, wo begründetes, eigenständiges Tun und Entscheiden als ein Ausdruck der Übernahme von Verantwortung erwartet und respektiert wird.
Bildung so zu denken, kann bedeuten, zu wissen, was zu tun ist, ohne zu bestimmen, was das Resultat sein soll. Geht das?
Das Bildungssystem ist derzeit in einer Sackgasse. Deshalb braucht es – mit Norbert Elias gesprochen – ‚Distanz’ zu einer bestehenden Involviertheit, um zunächst zu sehen, was da eigentlich passiert und um dann das ‚Engagement’ zu entwickeln, das erforderlich ist, um zu einem neuen Handeln zu kommen. Dieses Handeln kann wurzeln in volkswirtschaftlicher Klugheit, aber es kann und sollte auch fußen auf der Freude und Vorfreude über die zu gewinnenden Möglichkeiten für die Entfaltung des menschlichen Lebens. Diese Freude an der Entfaltung des Lebens auch der anderen Menschen, der Welt und der Erde ist der (neue) Kompass. Und er zeigt an, worum es geht, und zwar ohne dass ‚klar‘ sein soll, muss oder kann, wohin es geht.
Was ist also zu tun, um möglich werden zu lassen, dass möglichst viele, wenn nicht sogar alle Menschen ‚erwachsen’ werden?
‚Bildung‘ in dieser Weise unteleologisch zu denken und zu ermöglichen und deshalb zu wissen, was zu tun ist, ohne zu bestimmen, was das Resultat sein soll – auch das ist ein Anliegen. Es bedeutet, die Menschen in einer menschengerechten Welt zu ‚wollen’, um der Freude willen, sie so zu sehen. Man könnte das unbedingte Wollen des Anderen sowie die Freude an dem anderen Dasein mit Jean-Luc Nancy oder Erich Fromm auch ‚Liebe‘ nennen, muss man aber nicht. Ein anderer Ausdruck für diese Möglichkeit zu sein ist das ‚Erwachsen-Sein’. Dahin zu kommen, ist eine ‚Bildungsaufgabe‘, die der wissenschaftlichen Bearbeitung bedarf, um das Bildungswesen so zu gestalten, dass möglichst viele Menschen ‚erwachsen‘ werden können.
So ist die Frage: Was ist also zu tun, um möglich werden zu lassen, dass möglichst viele, wenn nicht sogar alle Menschen ‚erwachsen’ werden?
Literatur:
Elias, Norbert (1987): Engagement und Distanzierung. Arbeiten zur Wissenssoziologie I. Hg. und übers. von Michael Schröter. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main