Vom Verwalten zum Gestalten – Schulleitungen fordern Bildungsreform
Das Schulsystem muss sich verändern. Dieser Ansicht sind einer Studie zufolge auch die Schulleitungen selbst. Die konkreten Studienergebnisse erstaunen.
Unterricht ist nicht mehr Unterricht. Wir kuratieren Wissensvermittlung. […] Das heißt: Türen auf, Expertinnen und Experten aus den jeweiligen Fachgebieten rein in die Schule.
Zum zweiten Mal erscheint in diesem Jahr, in Zusammenarbeit mit dem Bildungsforscher Klaus Hurrelmann und dem Sozialforschungsinstitut FiBS, die „Cornelsen Bildungsstudie“. Diese liefert nach der Leiterin der Studie, Dr. Sarah Fichtner, „eine Rundumperspektive von Schulleitungen auf Schule: auf aktuelle und zukünftige Herausforderungen, auf zentrale Themen wie Digitalisierung, Lernerfolg und Chancengleichheit, auf ihr eigenes Berufsbild und die politischen Rahmenbedingungen. Die Studie beruht auf einer repräsentativen Online-Befragung von über 2000 Schulleitungen, ergänzt durch ausführliche Interviews.“
Die Schulleitungen möchten gehört werden und werden deutlich: 95 Prozent sehen das individualisierte und selbstbestimmte Lernen als Ziel, bei dem die Digitalisierung unterstützen soll. 94 Prozent der Schulen glauben außerdem, dass sie (neben individualisierter Lernverlaufsdiagnostik durch Apps und Programme) von multiprofessioneller Teamarbeit profitieren würden. Die Leitung einer Gemeinschaftsschule meint hierzu: „Die Multiprofessionalität wird immer wichtiger sein. Die Schule muss so aufgestellt sein, dass sie den Problemen der Zeit begegnen kann.“ Eine andere Schulleitung geht noch weiter: „Unterricht ist nicht mehr Unterricht. Wir kuratieren Wissensvermittlung. […] Das heißt: Türen auf, Expertinnen und Experten aus den jeweiligen Fachgebieten rein in die Schule.“
Ähnlich lesen sich auch die Worte der Leitung einer Gesamtschule: „Die Wissensvermittlung verändert sich. Es liegt nun in der Verantwortung des Einzelnen, dafür nutzen wir digitale Mittel. Wir sind dabei, die Lerninhalte zu digitalisieren, verbinden dies aber mit dem Curriculum unseres Bundeslandes. Am Anfang steht immer die Frage, was muss der Schüler wissen können und wie stellen wir das fest. Danach schaue ich mir die Inhalte an und überlege, was der Schüler benötigt. Dieses Wissen eignet er sich digital selbst an. Das Wort Unterricht können Sie streichen, das gibt es bei uns nicht mehr.“ Damit einher geht die Forderung nach neuen Prüfungsformaten, die Unterrichtsausrichtung auf Lebenskompetenzen sowie nach projektorientiertem bzw. fächerübergreifendem Unterricht – wie ihn in Summe über 80 Prozent der Schulleitungen fordern.
Eine solche Haltung in der Breite der befragten Schulleitungen erstaunt selbst die Macher der Studie. Die Herausforderungen haben sich dabei in den letzten Jahren nochmals deutlich vergrößert: eine heterogene Schülerschaft, der Lehrermangel, bürokratische Richtlinien, die Coronapandemie und – in jüngster Zeit – der Chatbot Chat GPT. Die Lehrerrolle verändere sich dabei nach Klaus Hurrelmann von der Wissensvermittlung zur Lernbegleitung. Schulleitungen möchten zunehmend eine Gleichberechtigung im Verhältnis von Lehrenden und Lernenden. Insgesamt sieht Hurrelmann auch dabei einen deutlichen Wandel vom „Verwalten“ zum „Gestalten“.
Dieser Beitrag entstand auf Grundlage der Onlinequelle www.cornelsen.de/schulleitungsstudie, die am 15.06.2023 abgerufen wurde.